Wirtschaftspolitik in Krisenzeiten: Nobelpreis geht an US-Ökonomen Woodford und Hall
Für die Entwicklung neuer Modelle zum Umgang mit Rezessionen und anderen Krisen werden die beiden US-Forscher Michael Woodford und Robert Hall mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Sie hätten neue makroökonomische Modelle zur Umsetzung wirksamer Stabilisierungsmaßnahmen entwickelt, teilte die Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm am Montag mit. Auf Grundlage dieser Modelle "können rechtzeitig ergriffene finanz- und geldpolitische Maßnahmen die Schwankungen der Konjunktur abfedern".
Die Preisträger hätten eine "solide theoretische Grundlage" für die Modelle geliefert, die heute von Regierungen und Zentralbanken weltweit verwendet würden, erklärte der Vorsitzende des für den Wirtschaftsnobelpreis zuständigen Komitees, John Hassler. "Mit ihnen sind wir besser gerüstet, um wirtschaftliche Schocks wie Energiekrisen oder plötzliche Veränderungen beim Konsumverhalten der Haushalte zu bewältigen."
Gemäß der Theorien von John Maynard Keynes hätten Regierungen jahrzehntelang erfolgreich mit Stabilisierungsmaßnahmen bei Bedarf das Wirtschaftswachstum angekurbelt, erklärte die Akademie. Doch während der Ölkrisen in den 1970ern versagten die keynesianischen Modelle, die festlegten, wann und wie Maßnahmen ergriffen werden sollten.
Der heute 83-jährige Stanford-Professor Hall und der 1955 geborene Woodford, Professor an der Universität Columbia, begannen daraufhin getrennt voneinander, neue Modelle zu erforschen. "Anstatt die Modelle auf statistische Zusammenhänge zwischen makroökonomischen Variablen wie Inflation, Produktion und Konsum zu stützen, entschieden sie sich dafür, sie auf einer mikroökonomischen Grundlage aufzubauen", erklärte das für die Vergabe zuständige Komitee.
Eine wesentliche Erkenntnis der Ökonomen war, dass Haushalte vorausschauend handeln, wenn sie Entscheidungen über Ausgaben oder Sparen treffen. Das heißt wiederum, dass die Art und Weise, wie Regierungen und Zentralbanken ihre Politik kommunizieren, die Zukunftserwartungen der Menschen bei solchen Entscheidungen beeinflussen kann.
Der Präsident des Ifo-Instituts in München, Clemens Fuest, erklärte, die Auszeichnung gehe "an eine Forschung, die Theorie und wirtschaftspolitische Praxis erfolgreich verbindet". "Konjunkturschwankungen, Arbeitslosigkeit und Inflation lassen sich nur verstehen, wenn man berücksichtigt, wie Haushalte und Unternehmen entscheiden und wie sie auf wirtschaftspolitische Maßnahmen reagieren."
"Hall hat unser Verständnis von Konsum, Arbeitsmärkten und Konjunktur geprägt", führte Fuest aus. "Woodford hat gezeigt, welche zentrale Rolle Erwartungen und die Glaubwürdigkeit der Zentralbanken für die Wirkung der Geldpolitik spielen."
Woodfords Forschung erkläre "insbesondere, weshalb nicht nur aktuelle Zinsentscheidungen zählen, sondern auch die Erwartungen über den künftigen geldpolitischen Kurs", fuhr Fuest fort. "Gerade im aktuellen Umfeld steigender Inflation und zunehmender Attacken auf Zentralbankunabhängigkeit ist diese Forschung wichtig." US-Präsident Donald Trump versucht seit seinem erneuten Amtsantritt, die US-Notenbank Fed auf Linie zu bringen und zu einem Zinsschnitt zu drängen.
Woodford zeigte sich "überglücklich" über den Preis. "Es ist eine Überraschung, aber ich freue mich sehr darüber", sagte der Ökonom während der Verkündung am Telefon.
Der Wirtschaftsnobelpreis geht im Gegensatz zu den anderen Preisen nicht direkt auf das Testament des Preisstifters Alfred Nobel zurück. Er wurde 1968 von der Schwedischen Reichsbank in Gedenken an Alfred Nobel ins Leben gerufen und wird seit 1969 verliehen.
Im vergangenen Jahr wurden der US-Israeli Joel Mokyr, der Franzose Philippe Aghion und der Kanadier Peter Howitt für ihre Forschungen zu nachhaltigem Wachstum mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. Überreicht wird die Auszeichnung traditionell am 10. Dezember, dem Todestag von Alfred Nobel.
Z.Serrano--GM