Schülerproteste in Frankreich: Heftige Ausschreitungen in vielen Städten
Die Gewalt bei den Schülerprotesten in Frankreich nimmt weiter zu: Im westfranzösischen Nantes brannte am Donnerstag die Eingangshalle einer Schule ab, im südfranzösischen Marseille wurden mehrere Busse und ein Feuerwehrauto in Brand gesetzt. Aus dem Pariser Vorort Saint-Denis wurden erneut gewaltsame Auseinandersetzungen gemeldet, bei denen Schüler Feuerwerkskörper zündeten und die Polizei Tränengas einsetzte. In Paris erlitt ein städtischer Polizist nach Angaben des Bürgermeisters bei einem Angriff von jungen Menschen Schnittwunden im Gesicht.
In Marseille wurden zudem der Vizedirektor und zwei weitere Beschäftigte eines Gymnasiums mit Benzin bespritzt. Nach Angaben der Schulleitung geschah dies, als Personen Benzin in Mülltonnen kippten, um diese in Brand zu setzen. Vor Schulen in Lille, Brest und Straßburg wurden Mülleimer in Brand gesetzt.
In Straßburg und Marseille setzten die Behörden den Straßenbahnverkehr aus, um zu verhindern, dass Randalierer sich durch die Stadt bewegen. Zudem wurden Feuerwerkskörper und der Transport von Benzinkanistern verboten.
Insgesamt waren am Vormittag nach offiziellen Angaben 340 Schulen betroffen, 200 davon im Großraum Paris. Knapp 170 Schulen waren blockiert.
"Wir protestieren gegen überfüllte Klassen und gegen die Regierung, die Millionen für das Wegsperren von Mobiltelefonen ausgibt, aber nicht für Heizungen, Klimaanlagen und Lehrergehälter", sagte die 16 Jahre alte Maëlle aus Caen.
Auch Studenten schlossen sich am Donnerstag dem Protest an. Landesweit wurden nach Angaben einer Studierendengewerkschaft am Donnerstag rund 30 Universitäten blockiert, darunter in Paris und Marseille.
Premierminister Sébastien Lecornu rief seine Minister nach Informationen aus seinem Umfeld dazu auf, in den kommenden Tagen auf Dienstreisen zu verzichten. Er berief für den Nachmittag eine Krisensitzung ein.
Auslöser der in der vergangenen Woche begonnenen Proteste waren Forderungen, zahlreiche Missstände an den weiterführenden Schulen Frankreichs zu beenden. Dazu zählen baufällige Schulgebäude, Lehrermangel, fehlende Materialien und zu lange Schultage. Zudem brechen sich ein allgemeiner Unmut und eine Politikverdrossenheit Bahn.
Die Proteste sind auch bereits ein Wahlkampfthema: Mehrere Politiker der linkspopulistischen Partei La France Insoumise (LFI, Unbeugsames Frankreich) zeigten sich vor blockierten Schulen und machten sich die Forderungen von Schülern zu eigen.
Der Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko, verteidigte seine Anwesenheit am Ort der Ausschreitungen. Dies zähle zu seinen Pflichten als Bürgermeister. Er forderte von den Behörden, "zur Ruhe aufzurufen". Dazu zähle es auch, der Polizei "klare Anweisungen" zu geben, sagte Bagayoko am Donnerstag dem Sender France Info. LFI-Parteichef Jean-Luc Mélenchon hatte der Regierung mit Blick auf das Vorgehen der Sicherheitskräfte "Repression" vorgeworfen.
Am Mittwoch waren 625 Menschen festgenommen worden, 83 Polizisten und Gendarmen wurden verletzt. Seit Beginn der Proteste wurden nach Angaben des Bildungsministeriums bislang auch 119 Schülerinnen, Schüler, Lehr- und Aufsichtskräfte verletzt. Die Polizei nahm interne Ermittlungen in drei Fällen auf, in denen Schüler verletzt wurden. Ein junger Mann war in der Stadt Tour mit einer Kopfverletzung ins Krankenhaus gebracht worden, die auf ein Hartgummigeschoss hindeutete. Innenminister Laurent Nuñez warnte vor einem "unverhältnismäßigen Gebrauch von Einsatzmitteln" wie Tränengas.
Die Unruhen könnten weiter angeheizt werden durch den Haushaltsentwurf, der am Donnerstag im Kabinett vorgestellt wurde. Er sieht unter anderem Gebühren für bestimmte Abschlüsse und Ausbildungswege vor. CGT-Gewerkschaftschefin Sophie Binet sprach von einer "Provokation" und warf der Regierung vor, die Proteste auf diese Weise weiter anzuheizen.
L.Silva--GM