Fassungslosikeit und viele Fragen nach tödlichem Zugunglück in Spanien
Nach der Zugkollision mit mindestens 69 Toten herrschen in Spanien Trauer und Fassungslosigkeit angesichts vieler offener Fragen zur Unglücksursache. Regierungschef Pedro Sánchez sagte am Donnerstag bei einem Besuch am Unglücksort südlich von Madrid, die Behörden arbeiteten "Tag und Nacht" daran, "jedes noch so kleine Detail dieser Tragödie aufzuklären". Zum Auftakt einer dreitägigen Staatstrauer wurden die Flaggen im ganzen Land auf Halbmast gesetzt.
Ministerpräsident Sánchez nannte die Aufklärung der Unfallursache und die Betreuung der Opferangehörigen als oberste Prioritäten nach dem Zugunglück vom Vortag. Mit Blick auf die "Familien der Opfer dieser schrecklichen Tragödie" sagte Sánchez, für sie müsse es "eine Wiedergutmachung zumindest auf materieller Ebene" geben. Der Regierungschef kündigte zudem eine Verstärkung der Sicherheitsvorkehrungen an, "um sicherzustellen, dass so etwas nie wieder geschieht".
Der Bergungseinsatz nahe der Gemeinde Urda wurde die Nacht hindurch fortgesetzt. Dabei kamen unter anderem riesige Kräne, Spürhunde und Wärmebilddrohnen zum Einsatz.
Die Opferzahl stieg auf 69 Tote. Der Regionalpräsident von Kastilien-La Mancha, Emiliano García-Page, teilte am Donnerstag mit, von den 110 am Mittwoch ins Krankenhaus eingelieferten Menschen würden mittlerweile noch etwa 50 weiterhin stationär behandelt.
Die Zugkollision hatte sich am Mittwochmorgen rund 110 Kilometer Luftlinie südlich von Madrid ereignet. Auf gerader Strecke prallte ein Hochgeschwindigkeitszug der spanischen Staatsbahn Renfe mit 397 Passagieren in schneller Fahrt auf einen Hochgeschwindigkeitszug des privaten Betreibers Iryo mit 147 Passagieren, der auf demselben Gleis stand. Mehrere Waggons entgleisten und stürzten den Bahndamm herunter.
Der 31 Jahre alte Peruaner Josimar Medina, der mit seiner Freundin in Spanien Urlaub machte, sagte der Nachrichtenagentur AFP, er habe im Renfe-Zug geschlafen, als er "aufwachte und plötzlich in der Luft schwebte". Der Passagier Pablo Mejia kam mit Kopfverletzungen davon. AFP sagte der 42-Jährige, ein kurzfristiger Sitzwechsel habe ihm das Leben gerettet.
Beide Züge waren auf dem Weg von Madrid in die andalusische Großstadt Sevilla gewesen, als ein automatisches Kontrollsystem mit der Abkürzung LZB ausfiel. Verkehrsminister Oscar Puente sprach am Mittwoch von menschlichem Versagen und sagte, es sei "unerklärlich", warum die Leitstelle den Renfe-Zug habe weiterfahren lassen. Die Leitstelle habe "mehr als genug Zeit" gehabt, "den Fehler zu überprüfen, und sie haben ihn nicht behoben".
Zum Auftakt der dreitägigen Staatstrauer, die Sánchez nach dem Unfall ausgerufen hatte, wehten die Flaggen vor öffentlichen Gebäuden im Land auf Halbmast. Zahlreiche Veranstaltungen wurden abgesagt oder in kleinerem Rahmen abgehalten. Auch die Flaggen vor dem EU-Parlament und der EU-Kommission in Brüssel wurden als Zeichen der Solidarität auf Halbmast gesetzt.
Das spanische Königspaar kündigte für den Nachmittag einen Besuch bei Opfern des Zugunglücks in einem Krankenhaus in Toledo an.
Eine Schule nahe der Unglücksstelle im der Gemeinde Urda etwa 130 Kilometer südlich von Madrid diente derweil als Anlaufstelle für Angehörige, die nach Informationen über den Verbleib ihrer Liebsten suchten. Mitarbeiter des Roten Kreuzes boten den weinenden Menschen Unterstützung an. Der an der Betreuung der Opferangehörigen beteiligte Pfarrer José Miguel Fernández schilderte: "Viele von ihnen waren ruhig, andere nervös und verzweifelt. Sie wollten sofort Bescheid wissen und Nachricht bekommen."
Die Polizei richtete in Madrid, Toledo, Córdoba und Sevilla vier Anlaufstellen ein, bei denen Angehörige DNA-Proben abgeben können, um bei der Identifizierung der Opfer zu helfen.
Das Auswärtige Amt in Berlin erklärte zu möglichen Deutschen unter den Opfern, die "Lage nach diesem schrecklichen Zugunglück" sei teils "noch unübersichtlich", so dass noch nicht alle Identitäten der Passagiere zweifelsfrei geklärt seien. Die deutsche Botschaft in Madrid stehe dazu "eng mit den örtlichen Behörden in Kontakt".
Das nun zweite verheerende Zugunglück in Spanien in diesem Jahr wirft drängende Fragen zur Schienensicherheit auf und setzt die Regierung einen Monat vor der vorgezogenen Parlamentswahl unter Druck. Bereits im Januar waren auf derselben Trasse zwischen Madrid und Sevilla nahe der südspanischen Stadt Adamuz 46 Menschen bei der Kollision zweier Hochgeschwindigkeitszüge ums Leben gekommen.
Am Donnerstag fand ein Lokführer-Streik für mehr Sicherheit im Schienenverkehr statt, der bereits vor dem Unglück am Mittwoch angekündigt worden war. Der Zugverkehr zwischen Madrid und der südspanischen Region Andalusien wurde wegen des Zugunglücks weiter ausgesetzt.
I.Santos--GM